Donnerstag, 15. Juni 2023

Wer ist eigentlich gerade bei den Kindern?

Thema: Gangaufsichten und Tabellenkalkulation

Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit als Lehrkraft ist die Erfüllung der Aufsichtspflicht. Für die Einteilung von Aufsichten gibt es wahrscheinlich kein Patentrezept, aber sicherlich die ein oder andere Software. Ich zeige nun, wie wir diese Aufgabe an unserer Schule mithilfe von Tabellenkalkulation gelöst haben.

Zu Beginn möchte ich erwähnen, dass alle kurzen Pausen, die jeweils nur fünf Minuten dauern, von jenen Lehrkräften abgedeckt werden, die zum jeweiligen Zeitpunkt in den betroffenen Klassen unterrichten. Es geht also um die Einteilung der Frühaufsicht nach dem Einlass in das Schulgebäude und fünfzehn Minuten vor Unterrichtsbeginn sowie jene während der großen Pause um 10:40 Uhr, die bei uns ebenfalls fünfzehn Minuten dauert.

Selbstverständlich sollte die Aufteilung der Dienste möglichst fair sein, weshalb alle Beteiligten ungefähr im zeitlichen Ausmaß ihrer Beschäftigung zum Einsatz kommen sollten. Dafür holen wir uns zunächst einmal eine Auflistung aller Arbeitsstunden nach der jeweiligen Lehrverpflichtung und kopieren diese Informationen in eine Excel-Tabelle.

Dann bilden wir zwei Summen: Wir brauchen einerseits jene aller Arbeitsstunden und andererseits die Anzahl aller Gangaufsichten. Die erste erhalten wir mit dem Befehl “=SUMME()“. In die Klammern schreiben wir die Namen der Zellen, deren Einträge (das müssen Zahlenwerte sein) wir summieren möchten. Das ist in diesem Fall die Spalte mit den Arbeitsstunden. Wir können stattdessen auch den entsprechenden Bereich mit der Maus markieren. Hier ein einfaches Beispiel:

Der Doppelpunkt zwischen den beiden Zellen B1 und B3 funktioniert wie ein Bindestrich, um zu kennzeichnen, bis wohin gezählt wird. Im Schuljahr 2023/23 kommen beispielsweise alle Kolleginnen und Kollegen zu Schulbeginn gemeinsam auf 592 Stunden pro Woche.

Die Gesamtanzahl der Gangaufsichten ergibt sich wiederum wie folgt: Fünf Tage (Montag bis Freitag) mal vier Bereiche im Schulgebäude (2. und 3. Stock Altbau sowie Erdgeschoß und 1. Stock Neubau) mal zwei Aufsichten (Frühaufsicht und große Pausenaufsicht) mal jeweils zwei Personen pro Aufsicht. Das ergibt insgesamt 5 ⋅ 4 ⋅ 2 ⋅ 2 = 80 Aufsichten, die zu besetzen sind: 

Als Nächstes können wir eine Übersicht erstellen, um zu koordinieren, wer wie viele Aufsichten übernehmen soll. Wir brauchen dafür sechs Spalten mit folgenden Einträgen:

  • LK (Kürzel der Lehrkraft): Hängt von der Person ab und wird der Liste entnommen.
  • Std. (Lehrverpflichtung bzw. Arbeitsstunden pro Woche): Dabei handelt es sich um die Anzahl der Arbeitsstunden pro Woche, die wir ebenfalls der Liste entnehmen.
  • % Std. (Anteil der Lehrverpflichtung in Prozent): Diesen berechnen wir, indem wir die Anzahl der Unterrichtsstunden der jeweiligen Lehrkraft X durch die Summe aller Unterrichtsstunden Y dividieren (“=X/Y”) und das Ergebnis als Prozentsatz formatieren.
  • A (Anzahl der Aufsichten): In dieser Spalte steht zu Beginn in jeder Zelle der Wert 0 bzw. ist die Zelle leer. Dort wird später die jeweilige Anzahl der Gangaufsichten eingetragen, aber wie das automatisiert werden kann, erläutere ich weiter unten.
  • % A (Anteil der Aufsichten in Prozent): Diesen berechnen wir auf dieselbe Art, wie den Anteil der Lehrverpflichtung mit dem Unterschied, dass wir diesmal die beiden Zellen mit den Werten für die Aufsichten auswählen.
  • Δ (Abweichung): Damit ist die absolute Differenz zwischen den beiden Prozentwerten gemeint. Diese berechnen wir, indem wir "=ABS(X-Y)" in die Zelle schreiben, wobei es keine Rolle spielt, welcher der beiden Werte vom anderen abgezogen wird. Diese sagt uns, wie stark die Einteilung der Person von ihrem berechneten Ideal abweicht. Wir können diese Zellen zusätzlich so formatieren, dass sie in Abhängigkeit von der Größe der jeweiligen Abweichung die Farbe ändern, und zwar von grün für wenig über gelb für mittel bis rot für viel (für weitere Infos siehe bedingte Formatierung).

Hier ein kurzes Beispiel: Kollegin A hat eine fast volle Lehrverpflichtung mit 22 Stunden, was ungefähr 3,72 Prozent der gesamten Stunden entspricht. Kollege B hingegen hat eine Lehrverpflichtung mit 15 Stunden, was nur circa 2,53 Prozent der entspricht. Kollegin C wiederum hat eine volle Lehrverpflichtung mit 24 Stunden (ca. 4,05 Prozent).

Der entsprechende Anteil an den Gangaufsichten sollte nun ähnlich ausfallen. Für Kollegin A bieten sich drei Aufsichten an, weil 3/80 = 0,0375 = 3,75 %. Kollege B sollte zwei Aufsichten übernehmen, da 2/80 = 0,025 = 2,5 %. Der Anteil von Kollegin C ist nicht ideal, aber hier sind drei Aufsichten der beste Näherungswert.


Nun können wir damit anfangen, Leute in den Plan einzutragen, aber ständig mitzählen und  neue Zahlen eintippen wäre mühsam, also automatisieren wir das Ganze. Dazu schreiben wir den Befehl "=ZÄHLENWENN()" in die entsprechende Zelle. In die Klammern schreiben wir zuerst das, was gezählt werden soll und danach einen Strichpunkt, gefolgt vom Bereich, in dem gezählt werden soll. Ersteres ist in diesem Fall das Kürzel der jeweiligen Lehrkraft und letzteres die noch leeren Zellen im Plan:

Anstatt jedes Kürzel extra zu schreiben, markieren wir einfach die entsprechende Zelle. Die Dollarzeichen bei der Auswahl des Zählbereichs sorgen dafür, dass dieser gleich bleibt, auch wenn wir die Formel später in andere Zellen kopieren, indem wir auf den Punkt in der rechten unteren Ecke einer markierten Zelle klicken und mit der Maus weiterziehen:

Am Ende sollte die Summe aller Gangaufsichten in der Übersicht selbstverständlich gleich der Anzahl der zu besetzenden Dienste sein, aber wir sehen ohnehin, ob es Dienste, die noch nicht vergeben sind bzw. leere Zellen gibt:


Nun kommen wir zum schwierigen Teil, denn das eigentliche Problem bei der ganzen Sache ist nicht etwa die faire Verteilung. Abgesehen davon müssen wir nämlich noch überprüfen, ob die betroffene Person zu der jeweiligen Zeit auch Dienst hat, sprich im Haus ist. Zusätzlich sollten wir berücksichtigen, in welchem Teil des Gebäudes sie zu diesem Zeitpunkt arbeitet und wo sie nach der Aufsicht als Nächstes hin muss. Dafür können wir den Stundenplan aller Lehrkräfte oder Klassen heranziehen.

Darüber hinaus gibt es noch ein paar weitere Dinge, die beachtet werden sollten. Falls eine Lehrkraft bereits den ganzen Vormittag durchgehend unterrichtet, sollte sie nicht auch noch eine Aufsicht übernehmen müssen. Und es wäre außerdem noch wünschenswert, dass die eingeteilten Lehrkräfte auch jene Kinder kennen, die sie beaufsichtigen sollen und umgekehrt. Zu guter Letzt gibt es wahrscheinlich noch den einen oder anderen Sonderwunsch und man sollte davon ausgehen, dass der Plan auch ein paar Mal überarbeitet werden muss, bis er wirklich für alle Beteiligten passt.

Alles klar? Falls ja, dann viel Vergnügen und gutes Gelingen! Falls nein, wird schon schiefgehen. Hier eine kurze Übersicht der Kriterien für einen guten Aufsichtsplan:

  • Verständlichkeit: Ein einfaches Layout sollte eine gute Lesbarkeit ermöglichen.
  • Fairness: Die Anzahl der Aufsichten sollte sich an der Anzahl der Arbeitsstunden gemäß der Lehrverpflichtung orientieren.
  • Einhaltung der Dienstzeiten: Niemand darf außerhalb seiner Arbeitszeiten für eine Aufsicht eingeteilt werden.
  • keine Doppelbesetzungen: Eine Lehrkraft kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.
  • sinnvolle Übergangszeiten: Niemand möchte nach einer Aufsicht irgendwo hin hetzen müssen, weil sie an einem ganz anderen Ort als die nächste Unterrichtsstunde stattfindet.
  • ausreichend Schonzeiten: Es ist nicht in Ordnung eine Lehrkraft, die an einem Tag bereits sechs Stunden durchgehend unterrichtet, zusätzlich vor dem Unterricht oder während der großen Pause für eine Aufsicht einzuteilen.
  • sinnvolle Einteilung: Lehrkräfte sollten, nach Möglichkeit, auch in den betroffenen Klassen unterrichten, die sie beaufsichtigen.

Johannes C. Huber (musste schon einige Permutationen vornehmen bis alle zufrieden waren)

Sonntag, 11. Juni 2023

Arithmantik für die erste Klasse

Thema: Hogwarts und Mathematik

Um meine ersten Klassen zu motivieren, sich nach ihrer Volksschulzeit noch einmal intensiver mit den Grundrechnungsarten zu beschäftigen, habe ich eine Stunde aus der Welt von Harry Potter vorbereitet. In der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei gibt es nämlich ein Fach namens Arithmantik. Die Bezeichnung setzt sich aus den griechischen Worten arithmós (Zahl) und manteía (Wahrsagung) zusammen und hat auch ein reales Pendant aus der griechischen Antike namens Arithmomantie. Dabei handelt sich also um eine Mischung aus Rechnen und Hellsehen.

Obwohl die Autorin J. K. Rowling in ihren Werken nicht näher auf die Schwerpunkte dieses Schulfachs eingeht, gibt es viele von der Fangemeinde erstellte Materialien, die sich teilweise auf Inhalte aus ergänzender Literatur zu ihrer Welt der Zauberei stützen. Ich habe mir diese näher angeschaut und einen, meines Erachtens, für die erste Klasse geeigneten Inhalt ausgewählt, den ich nun schildern werde.

Ein altersadäquater Einstieg ist die Bestimmung sogenannter Namenszahlen. Dabei wird die Summe aller Buchstaben des vollständigen eigenen Namens gebildet. Da wir diese jedoch nicht ohne Weiteres addieren können, wird jedem Buchstaben des Alphabets (inklusive Ä, Ö und Ü) eine Zahl von 1 bis 9 zugewiesen: 

Anschließend werden die Buchstaben in diese Zahlen umgewandelt und zusammengezählt. Da in den meisten Fällen eine mindestens zweistellige Zahl herauskommt, wird danach noch so lange die Quersumme gebildet, bis man schließlich eine einstellige Zahl erhält:

(J + O + H + A + N + N + E + S) + (C + L+ E + M + E + N + S) + (H + U + B + E + R) =
(1 + 6 + 8 + 1 + 5 + 5 + 5 + 1) + (3 + 3 + 5 + 4 + 5 + 5 + 1) + (8 + 3 + 2 + 5 + 9) =
32 + 26 + 27 = 85 → 8 + 5 = 13 → 1 + 3 = 4

Abgesehen von der Namenszahl, die das Wesen eines Menschen bzw. die Persönlichkeit beschreiben soll, gibt es auch noch die Vokal- und die Konsonantenzahl. Erstere wird nur mit den Vokalen (Selbstlauten) gebildet und steht für das bewusste, äußere Ich. Letztere wiederum wird nur mit den Konsonanten (Mitlauten) gebildet und steht für das unbewusste, innere Ich:

(O + A + E) + (E + E) + (U + E) =
(6 + 1 + 5) + (5 + 5) + (3 + 5) =
12 + 10 + 8 = 30 → 3 + 0 = 3

(J + H + N + N + S) + (C + L + M + N + S) + (H + B + R) =
(1 + 8 + 5 + 5 + 1) + (3 + 3 + 4 + 5 + 1) + (8 + 2 + 9) =
20 + 16 + 19 = 55 → 5 + 5 = 10 → 1 + 0 = 1

Es scheint so, als ob Vokal- und Konsonantenzahl zusammen wieder die Namenszahl ergeben, weil 3 + 1 = 4, aber das stimmt nur bedingt. Bei den Zwischensummen, also bevor etwaige Quersummen gebildet werden, ist das selbstverständlich der Fall, weil sie ganz einfach Teilsummen des Zwischenergebnisses der Namenszahl sind: 30 + 55 = 85. Um uns davon zu überzeugen, dass das beim Endergebnis nicht automatisch so ist, schauen wir uns am besten noch ein weiteres Beispiel an:

(J + O + A + N + N + E) + (R + O + W + L + I + N + G) =
(1 + 6  + 1 + 5 + 5 + 5) + (9 + 6 + 5 + 3 + 9 + 5 + 7) =
23 + 44 = 67 → 6 + 7 = 13 → 1 + 3 = 4

(O + A + E) + (O + I) =
(6  + 1 + 5) + (6 + 9) =
12 + 15 = 27 → 2 + 7 = 9

(J + N + N) + (R + W + L + N + G) =
(1 + 5 + 5) + (9 + 5 + 3 + 5 + 7) =
11 + 29 = 40 → 4 + 0 = 4

Zum Schluss bleibt noch die Deutung der Zahlen. Dafür gibt es glücklicherweise eine Übersichtstabelle:

Zahl

Symbol für

gute Eigenschaften

schlechte Eigenschaften

1

Individualität & Unabhängigkeit

Menschen mit der Zahl 1 konzentrieren sich immer nur auf ein Ziel. Sie sind sehr entschlossen, oft Anführer und Erfinder.

Einzelgänger: Sie neigen dazu egoistisch und dominant zu sein.

2

Zusammenarbeit & Gleichgewicht

Menschen der Zahl 2 haben eine gute Vorstellungskraft, sind kreativ, freundlich. Sie legen wert auf Frieden, Harmonie, Verbundenheit, Loyalität und Fairness.

Sie neigen dazu launisch, unentschieden und in sich gekehrt zu sein.
 

3

Vollständigkeit & Ganzheit

Menschen der Zahl 3 haben Talent, Energie und ein künstlerisches Wesen. Sie besitzen Humor, sind gesellig, glücklich, unbeschwert und oft sehr erfolgreich.

Sie sind häufig unkonzentriert, schnell beleidigt und oberflächlich. 

4

Stabilität & Festigkeit

Menschen der Zahl 4 sind praktisch, bodenständig und zuverlässig. Sie ziehen Spinnereien der Logik vor. Sie können sich gut organisieren und bringen schnell ihre Sachen auf die Reihe.

Sie neigen dazu stur und misstrauisch zu sein. Außerdem neigen sie zu Wutausbrüchen.

5

Instabilität & Ungleichgewicht

Menschen der Zahl 5 sind abenteuerlustig, energiegeladen, und risikobereit. Sie reisen gerne, lernen gerne andere Leute kennen und verweilen nicht lange am gleichen Ort.

Sie sind jedoch auch oft eitel und neigen zu Unverantwortlichkeit, Hitzigkeit und Ungeduld.

6

Harmonie, Freundschaft & Familienleben

Menschen der Zahl 6 sind loyal, zuverlässig und liebevoll. Sie passen sich leicht an, sind gute Lehrer und Künstler.

Lassen sich bei Geschäften oft über den Tisch ziehen, neigen zu Schwatzhaftigkeit und Selbstgefälligkeit

7

Wissen & Arbeit

Menschen der Zahl 7 sind scharfsichtig, verständig und gescheit. Sie haben Spaß an harter Arbeit, nehmen Herausforderungen gerne an, sind ernst, gelehrtenhaft und gehen jedem Geheimnis auf die Spur.

Sie neigen dazu pessimistisch, sarkastisch und unsicher zu sein.
 

8

Macht & Erfolg

Menschen der Zahl 8 sind praktisch, ehrgeizig und fleißig. Sie sind oft erfolgreich im Job und setzen ihre Ziele um.

Sie neigen aber dazu eifersüchtig, gierig, tyrannisch und machthungrig zu sein. 
 

9

Vollkommenheit

Menschen der Zahl 9 widmen sich dem Dienst anderer Menschen. Sie werden häufig Wissenschaftler oder setzen sich für Menschenrechte ein. Sie sind fest entschlossen und arbeiten unermüdlich.

Sie können übermäßig unruhig und perfektionistisch sein, stecken schlecht zurück und können nichts ruhen lassen, bis es vollendet ist.


Deutung der Namens-, Vokal- und Konsonatenzahlen (Quelle: Harry Potters Welt)

Ob man den zugehörigen Vorhersagen nun etwas abgewinnen kann oder nicht, sei dahingestellt. Für mich persönlich steht jedenfalls das bisschen Mathematik, das nötig war, um die Zahlen zu bestimmen, im Vordergrund. Nun kann man kritisieren, dass sich das Rechnen rein auf die Addition beschränkt, aber ich würde dagegenhalten, dass noch das (bis dahin möglicheriweise noch nicht bekannte) Bilden einer Quersumme dazu kommt und auch schon ein kleiner Vorgeschmack auf das Arbeiten mit Variablen gegeben wird. Ein möglicher positiver Nebeneffekt ist außerdem, dass die Lernenden Spaß daran haben das Thema Grundrechnungsarten auf diese Art und Weise zu wiederholen.

Johannes C. Huber (ist anscheinend praktisch, zuverlässig und bodenständig, aber auch stur und misstrauisch)

Mittwoch, 31. Mai 2023

Falsche Freunde Teil 1

Thema: mathematische Formeln

Spezialfall der binomischen Formeln

Eine im Allgemeinen nicht gültige Version der ersten binomischen Formel sehe ich, so wie wahrscheinlich viele andere in meinem Beruf mit demselben Unterrichtsfach, leider immer wieder:

\[(a + b)^2 =  a^2 + b^2\]

Falls jedoch \(a = b = 0\) gilt, ist das Ergebnis dieser falschen Umformung tatsächlich richtig.

Mediante

Ein beliebter Fehler bei der Addition von Brüchen, ist, die beiden Zähler und Nenner zu addieren:

\[\frac{a}{b} + \frac{c}{d} = \frac{a+c}{b+d}\]

Das ist zwar nicht der richtige Bruch, aber immerhin die sogenannte Mediante (Mittelzahl). Dieser Bruch liegt stets zwischen den beiden anderen und man erhält ihn, indem man jeweils die beiden Zähler bzw. Nenner addiert und zum neuen Zähler bzw. Nenner des Bruchs macht. Allerdings wird fälschlicherweise oft davon ausgegangen, dass die so entstandene Zahl exakt in der Mitte zwischen den beiden anderen Brüchen liegt. Dieser Irrglaube lässt sich jedoch schnell entkräften: So liegt beispielsweise die Mediante der beiden Brüche \(\frac{1}{2}\) und \(\frac{1}{8}\) näher beim zweiten Bruch.*

Dreiecksfläche

Eine falsche Formel für die Fläche des allgemeinen Dreiecks, die ich bei meinen Lernenden hin und wieder sehe, ist diese hier: \(abc = A\). Die Fläche können wir mit dem Produkt der drei Seiten zwar nicht berechnen, aber es gibt tatsächlich einen recht ähnliche Formel: \(abc=4rA\)

Um zu verstehen, wie man darauf kommt, zeichnen wir ein Dreieck \(ABC\) mit den Seiten \(a = BC\), \(b = AC\) und \(c = AB\), den dazugehörenden Umkreis mit Durchmesser \(d = AD\) und die Höhe \(h = AH\) auf \(a\), wobei \(D\) der auf dem Kreis liegende Punkt gegenüber von \(A\) und \(H\) der Höhenfußpunkt auf \(a\) ist:

Veranschaulichung der Herleitung (Bildquelle: eigene Darstellung mit GeoGebra)

Die Winkel \(\gamma_1 = \angle AHC\) und \(\gamma_2 = \angle ABD\) sind beide 90 Grad groß, weil die Höhe \(h =AH\) normal auf \(BC\) steht und der zweite Winkel aufgrund des Satzes von Thales rechtwinklig ist. Da die beiden Punkte C und D über der Kreissehne\(AB\) liegen, sind die beiden Winkel \(\beta_1 = \angle ACH\) und \(\beta_2 = \angle ADB\) aufgrund des Peripheriewinkelsatzes ebenfalls gleich groß. Also sind auch die beiden Winkel \(\alpha_1 = \angle CAH\) und \(\alpha_2 = \angle BAD\) gleich groß und die Dreiecke \(ACH\) und \(ABD\) zueinander ähnlich. Daher gilt auch \(AB \sim AH\), \(AD \sim AC\) und \(BD \sim CH\) und wir können das folgende Verhältnis aufstellen:

\[\frac{AB}{AD} = \frac{AH}{AC} \Rightarrow \frac{AB}{2r} = \frac{AH}{AC} \Rightarrow 2r \cdot AH = AB \cdot AC\]

Wir wissen, dass die richtige Formel für den Flächeninhalt wie folgt lautet: \(A = \frac{a\cdot h}{2}\).

\[abc = a \cdot 2r \cdot AH = 2r \cdot a \cdot h = 2r \cdot 2A = 4rA\]

Johannes C. Huber (wartet gespannt auf neue falsche Formeln bei Hausübungen und Schularbeiten)

* Wer es genau wissen möchte: Die Brüche als Dezimalzahlen haben die Werte \(\frac{1}{2} = 0,5\), \(\frac{1}{8} = 0,125\) und \(\frac{1+1}{2+8} = \frac{2}{10} = 0,2\). Die Längen der beiden Abstände zu Mediante sind \(|0,5 - 0,2| = 0,3\) und \(|0,125 - 0,2| = 0,075\).

Quellen:

Montag, 15. Mai 2023

Wie mein Vetter dritten Grades

Thema: Verwandtschaftsbeziehungen und Baumdiagramme

Dieser Beitrag ist am 26.05.2023 auch im Standard erschienen.

Das Thema Verwandtschaft ist, im wahrsten Sinne des Wortes, unglaublich vielseitig. Mit Aszendenz- oder Ahnentafeln (auch Ahnenblättern) können wir bis zu einem gewissen Grad in die Vergangenheit und mit Deszendenz- oder Nachkommentafeln (auch Stammbäumen*) in die Zukunft blicken. Dabei handelt es sich um Baumdiagramme, die zur Übersicht unserer Vorfahren beziehungsweise Nachkommen dienen. Wir stellen in beiden Fällen den Ausgangspunkt dar und jede Generation vor beziehungsweise nach uns entspricht einer Pfadebene im Baumdiagramm. Wenn wir beide Darstellungen miteinander kombinieren, erhalten wir eine sogenannte Konsanguinitäts- bzw. Verwandtschaftstafel:

Verwandtschaftstafel (Bildquelle: eigene Darstellung mit Word)

Diese können wir uns wie eine Art Periodensystem für miteinander verwandte Personen vorstellen. Normalerweise finden wir darin auch Angaben zum Grad der Verwandtschaft, auf den ich im Laufe dieses Beitrags näher eingehen möchte. Wenn wir nämlich auf Deutsch vom Verwandtschaftsgrad sprechen, müssen wir zwischen mehreren Arten unterscheiden. Schließlich gibt es neben dem genetischen und dem rechtlichen Verwandtschaftsgrad außerdem noch den sogenannten Generationenabstand.

Wie kann Verwandtschaft beziffert werden?

Zunächst einmal schauen wir uns den genetischen Verwandtschaftsgrad an, den wir umgangssprachlich auch als Blutsverwandtschaft bezeichnen. Dieser hängt damit zusammen, wie sehr unser Erbgut dem einer anderen Person ähnelt und wird mit dem sogenannten Verwandtschaftskoeffizienten (kurz: R) angegeben. Dabei handelt es sich um die Wahrscheinlichkeit, dass ein zufällig ausgewähltes Gen von uns mit dem einer anderen Person übereinstimmt. Der jeweilige Grad ist die Hochzahl der Potenz vom Faktor ein Halbes:


Unser eigener Verwandtschaftskoeffizient ist gleich eins, also ist unser Grad gleich null. Das ist nicht weiter verwunderlich, da wir selbstverständlich vollständig mit unserem eigenen Erbgut übereinstimmen. Die einzig anderen Personen mit dieser Eigenschaft sind übrigens eineiige Zwillinge und Klone. Mit unseren Eltern und Kindern teilen wir uns im Schnitt nur noch die Hälfte unseres Erbguts, weshalb sie den Grad eins haben. Großeltern und Enkelkinder wiederum haben durchschnittlich nur mehr ein Viertel ihres Erbguts mit uns gemeinsam und daher Grad zwei. Der Verwandtschaftskoeffizient nimmt also mit jeder Pfadebene der sogenannten linearen Verwandtschaft (direkte Abstammung) um die Hälfte ab und der genetische Grad der Verwandtschaft um eins zu.

Bei der sogenannten Seitenverwandtschaft (indirekte Abstammung) müssen wir lediglich berücksichtigen, dass sich Vollgeschwister durchschnittlich ebenfalls die Hälfte des Erbguts teilen, weil ihre Eltern jeweils die Hälfte beisteuern. Sobald wir also eine Abzweigung zum Pfad einer Seitenlinie nehmen, lassen wir den Faktor ein Halbes einmal weg. Cousinen und Cousins haben beispielsweise den Verwandtschaftskoeffizienten ein Achtel und somit den genetischen Verwandtschaftsgrad drei. Das liegt daran, dass wir mit unseren Tanten und Onkel durchschnittlich gleich stark verwandt sind, wie mit unseren Großeltern und daher für Cousinen und Cousins nur noch ein weiteres Mal mit dem Faktor ein Halbes multiplizieren müssen. Mit dieser Vorgehensweise kommen wir auf folgende Verwandtschaftsgrade:


Verwandtschaftsgrade nach Genetik (Bildquelle: eigene Darstellung mit Word)
Legende: 0 (Grau), 1 (Rot), 2 (Grün), 3 (Blau), 4 (Gelb), 5 (Magenta), 6 (Türkis), 7 (Indigo), 8 (Orange)

Ist Blut immer dicker als Wasser?

Der rechtliche Verwandtschaftsgrad ist unter anderem bei Obsorge- und Erbschaftsfragen von Bedeutung und hängt nicht notwendigerweise mit Blutsverwandtschaft zusammen, da beispielsweise auch adoptierte Kinder berücksichtigt werden. Er entspricht aber in vielen Fällen dem genetischen und kann auf zwei verschiedene Arten bestimmt werden. Es gibt dafür einerseits die Vorgehensweise des bürgerlichen Rechts, das sich am römischen Recht orientiert, und andererseits jene des kanonischen Rechts der katholischen Kirche, das sich am germanischen Recht orientiert.

Um den zivilrechtlichen Verwandtschaftsgrad zu bestimmen, suchen wir den kürzesten direkten Weg zwischen zwei Verwandten. Wir selbst sind dabei der Ausgangspunkt und haben dementsprechend den Grad null (ähnlich wie bei einem Koordinatensystem). All unsere unmittelbaren Vorfahren (Eltern) und Nachkommen (Kinder) haben den Grad eins. Durch jede weitere Pfadebene nimmt der Grad um eins zu. So haben beispielsweise die eigenen Großeltern oder Enkel schon den Grad zwei und die Urgroßeltern und -enkel den Grad drei.

Bei der Seitenverwandtschaft wird es vermeintlich komplizierter, denn es erscheint uns möglicherweise eigenartig, dass unsere Geschwister in diesem Fall den Grad zwei haben, obwohl wir Teil derselben Generation sind. Alle Einträge in dieser Pfadebene sind allerdings nicht direkt miteinander verbunden, weshalb wir einen Umweg gehen müssen.

Glücklicherweise gibt es eine einfache Regel, mit der wir den rechtlichen Verwandtschaftsgrad für beide Arten der Abstammung bestimmen können: Dazu gehen wir einfach die Pfade im Baumdiagramm entlang und zählen die sogenannten vermittelnden, d. h. dazwischen liegenden Geburten. Eine andere Möglichkeit ist, die Anzahl aller Personen beider Linien zu zählen und eine (das Stammesoberhaupt) abzuziehen. Die Vorgehensweise ähnelt also jener des genetischen Verwandtschaftsgrads.

Nun sollte klar sein, wieso Geschwister den gleichen Grad haben wie Großeltern und Enkel. Unsere Eltern und Kinder sind nur eine Geburt von uns entfernt. Zwischen uns und unseren Geschwistern sind es jedoch zwei: eine davon liegt zwischen uns und unseren Eltern und die andere zwischen unseren Eltern und dem jeweiligen Geschwisterkind. Unsere Cousins und Cousinen sind vier Geburten von uns entfernt und haben deshalb den Verwandtschaftsgrad vier. Cousins und Cousinen zweiten und dritten Grades heißen zwar so, haben aber den rechtlichen Grad sechs bzw. acht. Auf diesem Weg ergeben sich folgende Grade:

Verwandtschaftsgrade nach Zivilrecht (Bildquelle: eigene Darstellung mit Word)
Legende: 0 (Grau), 1 (Rot), 2 (Grün), 3 (Blau), 4 (Gelb), 5 (Magenta), 6 (Türkis), 7 (Indigo), 8 (Orange)

Das heutzutage weniger relevante Kirchenrecht ist in dieser Hinsicht ein sogenanntes Gewohnheitsrecht und funktioniert im Hinblick auf den Verwandtschaftsgrad ähnlich, denn auch hier suchen wir den kürzesten Weg zwischen zwei Verwandten, indem wir den längeren Abstand zum letzten gemeinsamen Vorfahren berechnen. Praktisch bedeutet das, dass wir uns nicht immer streng entlang der Pfadlinien bewegen müssen, da Seitwärtsbewegungen in derselben Generation nun auch zulässig sind. Jede Bewegung im Baumdiagramm nach oben, unten oder seitlich erhöht dabei den Verwandtschaftsgrad um eins. Bei der direkten Verwandtschaft macht das keinen Unterschied, aber zusätzlich zu unseren Eltern und Kindern haben in diesem Fall auch unsere Geschwister den Grad eins. Unsere Großeltern, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins, Neffen und Nichten sowie Enkelkinder haben dadurch alle den Grad zwei und so weiter:


Verwandtschaftsgrade nach Gewohnheitsrecht (Bildquelle: eigene Darstellung mit Word)
Legende: 0 (Grau), 1 (Rot), 2 (Grün), 3 (Blau), 4 (Gelb), 5 (Magenta), 6 (Türkis), 7 (Indigo), 8 (Orange)

Wieso haben manche Personen gleichzeitig verschiedene Verwandtschaftsgrade?

Nun fragen wir uns möglicherweise, warum viele Bezeichnungen für Verwandte den Zusatz "n. Grades" haben, wenn dieser doch in den meisten Fällen gar nicht stimmt. Das hängt mit dem bereits erwähnten Generationenabstand zusammen. Dieser wird ebenfalls als Grad angegeben und daher oft mit anderen Verwandtschaftsgraden verwechselt. Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um einen weiteren Abstand, den wir in unserem Baumdiagramm ablesen können. Im Gegensatz zu den anderen Angaben sagt er jedoch etwas darüber aus, wann sich die jeweilige Stammlinie einer verwandten Person abgezweigt hat. Dazu zählt man den Abstand zur letzten Generation, die von gemeinsamen Vorfahren abstammt.

Unsere Cousins und Cousinen beispielsweise befinden sich zwar in derselben Generation wie wir, sind aber Verwandte ersten Grades, weil ihre Stammlinie sich eine Generation davor abgezweigt hat. Unsere gemeinsamen Vorfahren sind also in diesem Fall unsere Großeltern und die beiden Stammlinien jene unserer jeweiligen Eltern. Geschwister sind somit quasi Cousins und Cousinen nullten Grades, weil sich ihre Stammlinie erst in unserer Generation abzweigt. Bei Cousin und Cousinen zweiten Grades hingegen hat sich die entsprechende Seitenlinie zwei Generationen früher abgezweigt, und zwar in der Generation, die von den Urgroßeltern abstammt. Die beiden Stammlinien sind in diesem Fall jene unserer jeweiligen Großeltern. Bei Cousinen und Cousins dritten Grades ist das wiederum vor drei Generationen passiert und so weiter:

Verwandtschaftsgrade nach Generationenabstand (Bildquelle: eigene Darstellung mit Word)
Legende: 0 (Grau), 1 (Rot), 2 (Grün), 3 (Blau) und 4 (Gelb)

Und was ist mit angeheirateter Verwandtschaft?

Ich erzähle gerne, dass mein Mitbewohner mein Cousin dritten Grades ist, weil sein Onkel meine Tante geheiratet hat. In Wirklichkeit sind wir aber nicht blutsverwandt, sondern nur entfernt verschwägert und würden uns deshalb eher in einer sogenannten Affinitätstafel wiederfinden. Da wir beide Neffen von verheirateten Verwandten sind, macht uns das Ganze allenfalls zu Schwippschwägern. Diese Bezeichnung ist allerdings eher für Geschwister von Eheleuten gebräuchlich, was in diesem Fall unsere Eltern sind.

Ich behaupte aber, dass man uns mit Cousins dritten Grades vergleichen kann und begründe meine Aussage damit, dass echte Cousins dritten Grades in Bezug auf die Erbgutübereinstimmung bereits sehr weit voneinander entfernt sind. Sie weisen also einen vernachlässigbar kleinen Verwandtschaftskoeffizienten auf und sind dadurch, statistisch gesehen, weniger miteinander verwandt als zwei zufällig ausgewählte nicht blutsverwandte Personen aus derselben Bevölkerungsgruppe. In anderen Worten: Wir wären theoretisch vielleicht sogar weniger miteinander verwandt, wenn wir tatsächlich miteinander verwandt wären.

Herzlichen Dank für wertvollen Input zur Struktur von Baumdiagrammen von Stephan!

Im Gedenken an Norbert Felber.

Johannes C. Huber (hat fast fünfmal so viele Cousins wie Cousinen)

* nicht zu verwechseln mit Stammtafeln, welche lediglich jene Nachkommen mit demselben Nachnamen wie die Ausgangsperson enthalten

Quellen:

  • Embacher F. (2003): Von Graphen, Genen und dem WWW.
  • Grad T. (2021): Ahnenforschung. Einführung und weiterführende Tipps. Familienforschung für jedermann. 12. Aufl.
  • Theus V. (1978): Die genetische Verwandtschaft.