Thema: Kochrezepte und Zahlentheorie
Wenn wir ein Verhältnis in ein anderes umwandeln wollen, dann können wir das mit einer Gleichung machen, die wir unter anderem auch Proportion, Dreisatz, Schlussrechnung oder einfach Verhältnisgleichung nennen. Im Schulunterricht müssen in diesem Zusammenhang häufig Zutatenmengen für Kochrezepte angepasst werden. Bei solchen Aufgaben geht es beispielsweise darum, bei der Menge Rindfleisch (75 dag) von den Zutaten für ein Gulasch von jener für vier Personen auf jene für fünf zu schließen. Wir können dafür eine Gleichung aufstellen und diese anschließend nach x auflösen:
4 : 5 = 75 : x
4x = 375
x = 93,75
Einer meiner ehemaligen Schüler hat bei der Suche nach einer eigenen Lösungsstrategie erkannt, dass uns dabei der größte gemeinsame Teiler und das kleinste gemeinsame Vielfache (in weiterer Folge kurz: ggT und kgV) behilflich sein können. Als er mir seine Vorgehensweise geschildert hat, war mir zunächst nicht ganz klar, worauf er eigentlich hinausmöchte. Daraus hat sich in weiterer Folge ein für beide Seiten sehr bereicherndes Gespräch über den Lehrstoff ergeben. Da solche Situationen in meinem Alltag eher selten vorkommen, begrüße ich es umso mehr, wenn es doch einmal dazu kommt, weil es einer der besonders schönen Aspekte meiner Arbeit als Lehrkraft ist. In diesem Beitrag möchte ich seine Funde erläutern.
Unser Zahlenpaar vier und fünf aus der oben beschriebenen Aufgabe sind teilerfremd. Sie haben also nur den trivialen ggT eins, den wir in der Schule gerne auch scherzhaft als "kleinsten gemeinsamen Teiler" bezeichnen, und das kgV ist ganz einfach ihr Produkt:
ggT(4; 5) = 1 und kgV(4; 5) = 20
Der ggT empfiehlt in diesem Fall gewissermaßen, dass wir die Menge für vier Personen erst vierteln, um die Menge für eine Person zu erhalten und diese anschließend verfünffachen. Hierbei handelt es sich um den klassischen Dreisatz, bei der wir zuerst die Einheitsgröße ermitteln, weil diese anschließend auf eine beliebige andere Größe vervielfacht werden kann. Das kgV wiederum geht quasi in die andere Richtung. Wir verfünffachen erst die Menge für vier Personen, erhalten dadurch zunächst die Menge für zwanzig und vierteln diese, um schlussendlich die Menge für nur fünf Personen zu erhalten.
Als Nächstes schauen wir uns ein anderes Zahlepaar an, bei dem eine der beiden Zahlen ein gemeinsamer Teiler und die andere ein gemeinsames Vielfaches ist:
ggT(4; 8) = 4 und kgV(4; 8) = 8
Sowohl der ggT, als auch das kgV sagen uns, dass wir die Menge für vier Personen lediglich verdoppeln müssen, um die Menge für acht Personen zu erhalten bzw. dass wir die Menge für acht Personen halbieren müssen, um die Menge für vier Personen zu erhalten. Das dürfte aber höchstwahrscheinlich auch ohne die Berechnung von ggT und kgV bereits klar gewesen sein. In diesem Fall ist es also möglich, direkt zur Lösung zu kommen ohne den Umweg auf eine andere Menge zu nehmen.
Zum Schluss betrachten wir noch den letzten Fall, bei dem das Zahlenpaar zwar einen gemeinsamen nichttrivialen Teiler hat, aber keine der beiden Zahlen ein Vielfaches der anderen ist:
ggT(4; 6) = 2 und kgV(4; 6) = 12
In diesem Fall wäre es möglich, die Menge für vier Personen erst zu halbieren und anschließend zu verdreifachen oder erst zu verdreifachen und anschließend zu halbieren, um auf jene für sechs Personen zu kommen. Umgekehrt könnten wir die Menge für sechs Personen erst dritteln und dann verdoppeln oder erst verdoppeln und dann dritteln, um auf jene für vier Personen zu kommen. In diesem Fall benötigen wir also ebenfalls einen Zwischenschritt auf eine ganzzahlige andere Menge, aber dabei muss es sich, wie wir eben gezeigt haben, nicht zwingend um die Einheitsgröße handeln.
Wir fassen zusammen: Insofern wir zumindest beim Verhältnis ganzzahlig bleiben wollen, sagt uns der ggT, ob es unbedingt nötig ist, zuerst auf die Einheitsgröße herunter zu rechnen und dann zu vervielfältigen oder nicht, weil die eine Menge bereits ein Vielfaches der anderen ist. Falls der ggT gleich eins ist, können wir mit dem klassischen Dreisatz arbeiten, aber falls nicht, geht es unter Umständen schneller, und zwar dann, wenn der ggT eine der beiden Zahlen ist. Falls der ggT wiederum weder eins, noch eine der beiden Zahlen ist, können wir, falls gewünscht, stattdessen auch auf eine andere Zwischengröße herunterrechnen.
Das kgV wiederum sagt uns ebenfalls etwas über die mögliche Vorgehensweise. Wir können allgemein das Produkt der beiden Zahlen bilden und anschließenddirekt auf die gesuchte Menge herunterrechnen, in dem wir durch die ursprüngliche Menge dividieren. Manchmal ist es aber auch möglich, direkt auf die gesuchte Menge zu schließen, und zwar dann, wenn das kgV eine der beiden Zahlen ist. Falls die beiden Zahlen nicht teilerfremd sind, gibt es auch ein kleineres ganzzahliges Vielfaches als das Produkt der beiden Zahlen, was uns in der Praxis unter Umständen die Arbeit erleichtert.
Johannes C. Huber (begrüßt es, wenn Kinder beim Lernen ihre eigenen Entdeckungen machen)










